Zum Resozialisierungsbegriff in der Diskussion um ein Landesresozialisierungsgesetz für Hamburg - Anmerkungen aus der Praxis* Im Hamburger Vertrag der rot-grünen Koalition wird unter Bezugnahme auf die Fachkommission „Optimierung der ambulanten und stationären Resozialisierung“

die Entwicklung eines Landesresozialisierungsgesetzes für die 21. Legislaturperiode angekündigt. In diesem Kontext liegt nun eine erste Vorlage (Januar 2014: Cornel, Dünkel, Maelicke, Sonnen) auf dem Tisch, die mit ihrer progressiven Zielsetzung und ihrer modernen Ausgestaltung auf breiten Konsens stoßen dürfte. Vorausgesetzt ihrer politischen und juristischen Umsetzung, veranlasst dieser Entwurf zu Optimismus und nährt die Hoffnung auf einen in der Zukunft stark flexibilisierten und durchlässigen Hamburger Strafvollzug, einschließlich der damit verbundenen Implementierung stationärer und ambulanter Hilfesysteme (Übergangsmanagement) zur Vermeidung des sogenannten „Entlassungslochs“. Zu erwarten ist ein langfristig angelegtes, prosoziales Integrationskonzept mit verstärktem Fokus auf der Wiedereingliederung in ein selbstbestimmtes und straffreies Leben in sozialer Eigenverantwortung. Gerade weil dem Entwurf des „Landesresozialisierungsgesetzes“ ein zeitgemäßes Verständnis von gesellschaftlicher Integration straffällig gewordener Menschen zugrunde liegt, plädieren wir jedoch - entgegen einer Besinnung auf den tradierten Resozialisierungsbegriff - für ein anderes Verständnis von Eingliederung im Sinne von gesellschaftlicher Integration, sozialer Teilhabe und aktivem Opferschutz.

Warum der Resozialisierungsbegriff zu kurz greift

Der Resozialisierungsbegriff suggeriert, dass der Mensch zu einem ursprünglichen Zustand der Nichtdelinquenz zurückkehren kann. Nur so könne er nach seinen persönlichen Verirrungen und strafrechtlichen Verfehlungen als Gleicher unter Gleichen ein geordnetes Leben im gesellschaftlichen Gefüge führen. Dem Resozialisierungsbegriff wohnt die unausgesprochene Botschaft inne, es gäbe einen Weg zurück. Dieser rückwärtsgewandte Blick auf das ursprünglich straffreie Individuum vermittelt den Eindruck, als könne der alte Zustand der „Unschuld“ wieder hergestellt werden. Dieses Verständnis von Wiedereingliederung in die Gemeinschaft ist in hohem Maße mit dem Gedanken von Schuld und Sühne verbunden. Auf der Schwelle zur gesellschaftlichen (Wieder-)Eingliederung wird die Forderung nach dem Eingeständnis in begangenes Unrecht indirekt thematisiert. Das „Reuebekenntnis“ fungiert als „Eintrittskarte in die gesellschaftliche Normalität“. Aus der subjektiven Perspektive des Probanden steht dieses traditionelle Verständnis von
Resozialisierung dem Aufbruch in die Zukunft - und grundsätzlicher: einer prospektiven (zukunftsbezogenen) Integrationsstrategie - eher im Wege. Im Resozialisierungsdenken bezieht sich die Resozialisierungshoffnung zunächst auf die individuellen Defizite des Täters, die durch sein delinquentes Handeln identifiziert und offen gelegt worden sind. Auf diese negativen, intrapersonellen Einflüsse gilt es einzuwirken und sie zu verändern, um somit dem ständig drohenden, stets auch schon antizipierten Rückfall zu begegnen. Ein so verstandener Resozialisierungsansatz möchte alle negativen Einflüsse, die zur Delinquenz geführt haben, tilgen. Er nährt sich aus der Hoffnung, dass über eine Abspaltung des delinquenten Verhaltens von der Person des Täters seine Re-Sozialisation gelingen kann. Dieser Denkansatz vernachlässigt jedoch die Komplexität des (straffälligen) Menschen als einem ganzheitlichen, dynamischen Individuum mit all seinen negativen und positiven Entwicklungs- und Handlungspotenzialen und verstellt folglich den Blick auf die prospektiven Erwartungen der Probanden hinsichtlich eines zukünftig straffreien „guten Lebens“. Das Verharren im Re-Sozialisierungsdenken droht das Stigma des Täters fortzuschreiben und verstellt dadurch den unvoreingenommenen Blick auf die Heraus- forderungen einer vorwärts gerichteten, handlungsdynamischen Integrationsstrategie. Der Begriff der Resozialisierung verfestigt das traditionelle Verständnis, dass es sich im Prozess der gesellschaftlichen Eingliederung in erster Linie um einen Akt der Eigenanstrengung und Eigenverantwortung sowie der Selbsteinsicht der Probanden handelt. Demnach kann eine erfolgreiche Resozialisierung von straffällig gewordenen Menschen dann gelingen, wenn - frei nach dem Sinnspruch „Jeder ist seines Glückes Schmied“ – die Straffälligen ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen. Dieses Verständnis benennt zwar die halbe Wahrheit, greift unseres Erachtens jedoch zu kurz. In seiner starken Fokussierung auf das individuelle Verhalten, vernachlässigt dieser Denkansatz die gleichrangige Bedeutung eines modernen, durchlässigen Strafvollzuges und der noch zu wenig entwickelten Möglichkeiten von ambulanten Unterstützungssystemen als eine relevante, kriminalpräventive Einflussgröße für das Gelingen der gesellschaftlichen Eingliederung von Straftätern.

Resozialisierungsbegriff in der Diskussion

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